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上海 与 巨大 开瓶刀
Tatsächlich war dies meine erste Zugfahrt, bei der es mir gelang, mehr oder weniger Schlaf zu finden. Dennoch fühlte ich mich nicht wirklich wohl, als ich am Samstag um 11Uhr morgens in Shanghai ankam. Noch dazu hatte mir ein junger Chinese die letzte Stunde der Fahrt ein Gespräch aufgezwängt, wahrscheinlich um die drei Wörter Englisch zu üben, die er kannte. Wer mich kennt, weiß ja wie empfänglich ich für Morgenunterhaltungen bin, besonders wenn die Nacht nicht besonders ergiebig war... Zwecklos, also. Aber das konnte er ja nicht wissen.
Ich war schon ein wenig stolz, dass ich mich gleich und ohne Fehlentscheidungen zurecht fand und die richtige Station der richtigen Metro ausfindig machen konnte. Immerhin ist Shanghai eine 15-Millionen-Einwohner-Stadt, und da gestaltet sich das Finden des Rettungsankers namens Hotel schon mal ein bisschen abenteuerlich. Mit "Metro" meine ich selbstverständlich die U-Bahn. Aber so klar ist das nicht, es gibt nämlich noch einiges mehr, was sich mit dieser Bezeichnung schmücken darf: Die Kerle in Shanghai tragen die engsten Hosen, die tiefsten Ausschnitte, dazu die dicksten Schals und den meisten Haarfestiger. Aber Shanghai ist sowieso anders. Ich denke, man kann sagen: Beijing verkörpert das China, welches die Kommunistische Partei gerne hätte, Shanghai dagegen repräsentiert das durch den imperialistischen Westen mit seiner hinterhältigen Armee aus Starbucks, H&M und all den anderen fiesen Konsumterroristen verdorbene China. Es gibt wenig Spektakuläres zu sehen, aber dafür kann man an einem einzigen Tag vermutlich unzählige Summen eines jeden Zahlungsmittels auf den Kopf hauen.
Mein erster Spaziergang durch das Epizentrum eben jenes Konsumwahnsinns, die Nanjing Road, war demnach auch eher etwas verhalten. Erstes Ziel des Tages war vielmehr die Flusspromenade. Denn Shanghai wird vom Huangpu (einem Zufluss des Jangtze) in zwei Hälften geteilt: Puxi und Pudong. Letzteres (das "neue Shanghai") hat sich in den letzten Jahren zu einem riesigen Finanz- und Geschäftsviertel entwickelt und ist dabei auch Gegenstand der so bekannten Skyline. Diese konstituiert sich mehrheitlich aus drei visuellen Blickfängern. Zum einen der Oriental Pearl TV Tower (468m), der Fernsehturm. Dann, etwas weiter rechts der Jin Mao Tower mit 421m. Und schließlich direkt daneben, das Shanghai World Financial Center, eine 492m hohe kapitalistische Riesenerektion und noch dazu das dritthöchste Gebäude der Welt (nach Taipeh 101 und dem noch im Bau befindlichen Burj Dubai). Eines war klar: Ich musste da hoch. Und zwar um jeden Preis. Nachdem ich den furchtbar lahmen und in keinster Weise sehenswerten Sightseeing Tunnel durchquert hatte, näherte ich mich dem Bauwerk, das irgendwie an einen gigantischen, gläsernen Flaschenöffner erinnert. Zwei Stunden später war ich zwar um 150 Yuan ärmer, aber dafür um einen atemberaubenden Ausblick bereichert, obwohl es inzwischen leider dunkel geworden war. Vor allem der Vogelperpektiven-Blick auf den etwas niedrigeren Jin Mao bot eine beeindruckende Szenerie. Die Aussichtsplattform in der 100. Etage auf 472m ist übrigens die höchste der Welt.
Nach diesem erstaunlichen Erlebnis (das allein schon die Fahrt nach Shanghai wert gewesen wäre) begab ich mich auf eine von Anfang an aussichtslose Suche nach einer Jacke. Irgendwie ist das kein besonders fruchtbares Kapitel meiner Geschichte, aber gut, man soll ja nichts erzwingen. Stattdessen bewunderte ich den Mut jener zwielichtiger Chinesen, die mir auf offener Straße einige nicht besonders legale Substanzen zum Kauf anboten. Denn wie auf so vieles, steht auch auf den Handel mit Drogen die Todesstrafe. Ich beschloss allerdings, noch ein bisschen weiter zu leben und genehmigte mir ein absolut legales Abendessen im Hotel. Zum Glück ist Dekadenz nicht strafbar, sonst würde ich vermutlich nicht mit einer Bewährung davon kommen.
Ich ließ den Abend in der hoteleigenen Sportsbar ausklingen und erfreute mich an dem göttlichen Geschenk der Bundesliga-Live-Übertragung. Ich kam mit einem deutschen Geschäftsmann ins Gespräch und wir philosophierten über Fußball, China und dies und das. Wenn ich eines in China gelernt habe, dann ist es schlaues Daherreden über den Fußballsport. Als er das Gespräch (nach drei Bier) dann allerdings auf die makellosen Brüste irgendeiner Kellnerin in irgendeinem Chinarestaurant in Bukarest lenkte, beschloss ich, lieber mal schnell ins Bett zu gehen.